Tagesausflug nach Osteuropa

Nach Osteuropa ist es gar nicht weit. Von Poznań oder Wrocław muß man dazu sogar Richtung Westen fahren. Szczecin ist nämlich stellenweise extrem runtergerockt. Aber dazu gleich mehr.

Von Berlin gibt’s sogar n direkten Zug, aber der fährt irgendwann vorm Aufstehen um halb 8 oder so ab. Besser ist da schon der IC nach Stralsund gegen halb 10. Is zwar auch nich schneller als der Regionalexpress, aber wenn man schon mal mit nem gewöhnlichen VBB-Fahrschein IC fahren darf, sollte man das doch ausnutzen. Damit gehts bis Angermünde (oder „Angermynde“, wie die freundliche Ansagerin in Szczecin sich ausdrückte) und da dann weiter mit dem Anschlusszug nach Scheschin Glowni – ich liebe die Ansager auf Berlin-Brandenburger Bahnhöfen (aber in dem Fall sind die in Polen wie gesagt genauso ignorant – die korrekte Aussprache wäre übrigens „Schtschechin Gwuwne“, naja, so ungefähr…).

Als ich dann in dem Zug saß und aus dem Fenster sah, merkte ich gleich, dass ich mich Polen nähere:

Das Lieblingsgraffiti der Polen. Ausgeschrieben „Chuj w dupe policji“. Da fehlt natürlich n C, aber das wird sehr gerne falsch geschrieben, was ja auch kein Wunder is, in Deutschland kriegen die Kinder ja auch nicht in der Schule beigebracht, wie man, sagen wir mal, „ficken“ schreibt. Wörtlich übersetzt heißt das ganze dann „Schwanz im Arsch der Polizei“. Ja. Dagegen ist „Fuck the Police“ noch richtig zurückhaltend und kultiviert.

Anyway, für Studenten der Uni Potsdam und andere Besitzer eines brandenburgweit gültigen Tickets kostet der ganze Spaß übrigens nur 5 Öcken. Und für alle ist im Fahrpreis nach Szczecin wenn man n Tagesticket kauft auch schon die Tageskarte für Straßenbahnen und Busse dortselbst drin.

Wenn man dann ankommt auf dem „Haupt“bahnhof kann man sich auch gleich n bisschen wie inner Ukraine fühlen.

Und viel mehr Bahnhof is da auch nicht. Sieht n bisschen dünne aus für ne Stadt von 400.000 Einwohnern, but there you go. Meine Meinung, näh.
An der Bahnhofshalle wird man dann auch gleich begrüßt von so sympathischer Werbung

(Beruf Soldat. Schließ dich den Besten an.)
und einem wunderschönen realsozialistischen Wandbild.

Am besten gefällt mir der Ort unten rechts, der besonders groß geschrieben ist. Ich musste extra nachkucken, es gibt tatsächlich ein „Gniew“, ein Kleinstädtchen von 7.000 Einwohnern. Vor allem aber heißt „gniew“ Ärger oder Wut. Würd ich auch bekommen, wenn ich jeden Tag auf dieses Wandbild kucken müsste.

Also aus dem Bahnhof raus und weiter Richtung „Osten“ mit der Straßenbahn. Ich empfehle die Linie 6 Richtung Gocław. Und für das angemessene Fahrgefühl am besten so eine Straßenbahn nehmen:

Je größer die Rostflecken, desto besser.
Die 6 kommt erstmal an der größten offiziellen Attraktion Szczecins vorbei, den Wały Chrobrego, eine große, jugendstilisierende Freitreppenanlage, die vom Oderufer zum Theater hochführt.

Danach schlängelt sie sich an den Werften, verfallenen und verlassenen Industriegebieten und ebenso verfallenen, aber noch nicht verlassenen Wohnhäusern entlang der Oder nach Norden.
Goclaw

Einen „Maluch“ zu besitzen, ist das A und O, wenn man in so ner Gegend wohnt.


An einer Stelle fanden sich auch noch Spuren von Stettin:

Schrott-Ankauf. Wichtigster Wirtschaftszweig in solchen Gegenden. Deswegen kommts auch schon mal zu Verspätungen bei der Bahn, weil jemand n paar hundert Meter Oberleitung geklaut hat. Vor allem als die Rohstoff- im allgemeinen und Kupferpreise im speziellen besonders hoch waren.

Der Eingang zur Reparaturwerft. Ach, irgendwie mag ich Hafenkräne. Hat sowas ganz altmodisches von Fernweh…


Die Schilder am Zaun rufen zum Erhalt der Werft auf. Alles was die Werften betrifft ist in Polen immer mehr als nur ne wirtschaftliche Frage, seit 1980 die Solidarność auf der Danziger Werft entstanden ist. Die in Gdańsk is trotzdem schon zu, die in Szczecin, auf der 1980 (und 1970) auch gestreikt wurde hält sich noch, soviel ich weiß.

Irgendjemand hatte mir mal gesagt, das Szczecin aussähe wie Prenzlauer Berg nach der Wende, und der jemand hatte recht. In den Teilen der Stadt, die nicht im Krieg zerstört wurden sind die Häuser ordentlich runtergekommen, aber die Architektur ist original wie in Berlin (so wie im übrigen auch in Teilen von Wrocław).


Das ganze steht meist an breiten Straßen mit viel Grün, sehr schick und angenehm da lang zu gehen.
Dabei sind auch ein paar überaus schicke Jugendstilgebäude:

Da wo’s zerstört war, wurde mehr oder weniger gelungen wieder aufgebaut. Aber schicke Balkons…

Anderswo isses besser gelungen.
Ungefähr so müssen sich die Pioniere der Moderne den Städtebau der Zukunft vorgestellt haben. Helle, klare Gebäude mit viel Platz und Grün dazwischen.

So haben sie es sich eher nicht vorgestellt:

In Sachen Street Art geht einiges in Szczecin.

Vor allem ne Menge ziemlich kleine, aber umso feinere Stencils, ganz vorne weg das hier:






Schön auch das „Reclaim-the-streets“-Logo:

Hier wurde eines Sprayers gedacht – oder er für tot erklärt, was weiß ich.

Ein großartig dämliches Wortspiel: „Wiesz jak jest?“ heißt „Weißt du wie es ist?“. Wenn man aber das „j“ weg nimmt, bleibt „Wieszak jest?“ übrig: „Is’n Kleiderbügel da?“. Genau die Art bescheuerter Humor, die mich anspricht.

Ich rätsel immer noch, wer der pixelige Kollege links ist. Ich dachte erst an Commander Keen, aber der hatte glaub ich keine so ’ne Antenne…

Als ich das aufgenommen hatte, fragte mich die Dame mit dem Hund vom nächsten Bild, warum ich das denn fotografieren würde. Sie würde da wohnen, und sie würde das ja stören… mit meinen Ansätzen zu einem Plädoyer für Street Art hat sie mich dann aber nicht wirklich zu Wort kommen lassen, war wohl eher darauf aus sich aufzuregen als darauf, etwas zu erfahren.


Sehr geil war auch die Serie musikalischer Küken, die über die Innenstadt verteilt waren:


Womit man in Polen leider immer wieder rechnen muss, ist politischer Extremismus und Nationalismus, gerne auch mal (halb-)offiziell sanktioniert, so wie bei dieser Tafel an ’ner Kirchenwand:
Die 5 Losungen wurden ’38 von der polnischen Minderheit in Deutschland eingeführt und hatten damals unter dem Druck der Nazis sicher ne Berechtigung, heute sind se nur noch widerlich:
„Wir sind Polen.
Der Glaube unserer Väter ist der Glaube unserer Kinder.
Der Pole ist dem Polen Bruder.
An jedem Tag dient der Pole der Nation. [„naród“ lässt sich nicht richtig übersetzen, das ist ein Konzept irgendwo zwischen „Volk“ und „Nation“]
Polen ist unsere Mutter. Man darf über seine Mutter nicht schlecht reden.“

Nicht offiziell sanktioniert, dafür aber umso wirrer ist dieses Plakat:

Ein Titelbild der Zeitschrift „wprost“, auf dem die Chefin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach (in Polen immer gerne mit Wehrmachtshelm dargestellt), den polnischen Premier Donald Tusk vertreibt, mit der Schlagzeile „Wen vertreiben“. Dazu einige hübsche handschriftliche verschwörungstheoretische Ergänzungen: „Die Mörder des Präsidenten Tusk – Michnik – Putin“ Adam Michnik ist der Herausgeber der einflussreichsten polnischen Tageszeitung, der eher linksliberalen „Gazeta Wyborcza“, von verwirrten Konservativen und anderen Rechten (Entschuldigung, das war tautologisch) auch gern „Gazeta Żydowska“, „Jüdische Zeitung“, genannt. Den Rest muss ich wohl nicht übersetzen.

Für den versöhnlichen Abschluss noch eine Schablone, gesehen aus der Straßenbahn auf dem Weg zum Bahnhof:

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2 Responses to Tagesausflug nach Osteuropa

  1. Pingback: Foto | nicdopowiedzenia

  2. gruebler sagt:

    Schöner Reisebericht, tolle Bilder und eine sehr anschauliche Einführung in Street-Art in fremder Sprache. Details, die man als 08/15-Touri ohne Sprachkenntnisse nicht sieht.

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