Sommerloch!

In Deutschland treten im Sommerloch traditionell Krokodile und anderes Getier auf, in Polen wurde im diesjährigen Sommerloch ein großes Kreuz errichtet. (By the way: polnisch heißt das Sommerloch sezon ogórkowy. Genau. (Saure)-Gurken-Zeit.)
Seit Wochen gibt es Streit um ein Holzkreuz, das der Pfadfinderverband nach dem Flugzeugabsturz von Smolensk vor dem Präsidentenpalast aufgestellt hat. Die Regierung (und auch die Pfadfinder und Teile der Kirche) wollen das Kreuz jetzt in eine Kirche umsetzen lassen. Bei dem virulenten Patrio-Katholizimus in Polen musste das ja Probleme geben. Wie dann auch nicht anders zu erwarten war, regt sich die katholisch-fundamentalistische Rechte furchtbar auf und ein paar alte Muttchen wachen seit Wochen neben dem Kreuz, damit es ja keiner heimlich wegräumt. Zur Unterhaltung erzählen sie sich dabei die neusten Verschwörungsgeschichten.
Eine Reporterin der Gazeta Wyborcza hat sich mal unter die „protestantischen“ Katholen gemischt.

Ein echter Kampf ums Kreuz
Dominika Olszewska
15.07.2010, letzte Aktualisierung 15.07.2010 16:09

„Dieses Symbol des Polentums und unseres Glaubens will der Jude Tusk noch vor der samstäglichen Parade der Sittenstrolche entfernen“, so die Verteidiger des hölzernen Kreuzes vor dem Präsidentenpalast. Die ganze Nacht wachen sie bei dem Kreuz.
Das hölzerne Kreuz hatten Pfadfinder nach der Flugzeugkatastrophe von Smolensk vor dem Präsidentenpalast aufgestellt. „Das war eine spontane Entscheidung“, so Magdalena Suchan vom polnischen Pfadfinderverband. „Jetzt ist es Zeit, es umzusetzen, da es zu große Emotionen hervorruft.“
Solche Aussagen mobilisierten die Verteidiger des Kreuzes, die sich regelmäßig vor dem Palast versammeln und nicht zulassen wollen, dass es entfernt wird. Jede Nacht wachen sie im Wechsel bei dem Kreuz.
Sie haben die Wahlen gefälscht
In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch beginnen sich die Verteidiger des Kreuzes, ungefähr 50 Personen, gegen 22 Uhr zu versammeln. Roman, Bauarbeiter: „Sprechen wir es endlich aus: Tusk hat zusammen mit Putin dieses Verbrechen geplant. Sie waren es, die unseren Präsidenten ermordet haben.“
„Der Jude Tusk will das Kreuz noch vor dieser Sittenstrolch-Parade [Schwulen- und Lesben-Demo EuroPride, Anm. d. Ü.] am Sonnabend bei Nacht und Nebel entfernen. Das heilige Symbol wird diese Schwulen und Lesben beim Kopulieren auf ihren Gefährten stören. Wir lassen das nicht zu. Wir sind hier in Polen und nicht in Israel“ ereifert sich Bogusława Dziwisz, Kassiererin aus dem Stadtteil Ochota.
Krystyna, eine pensionierte Pharmazeutin aus Tarchomin, ergänzt: „Wir hatten unseren Präsidenten Lech, einen echten Polen und Katholiken, da sind sie gekommen und haben ihn ermordet. Und als sein tapferer Bruder Jarosław, auch ein Katholik und Pole, nach Mitternacht die Wahlen gewann [Gegen Mitternacht der Wahlnacht lag Jarosław Kaczyński nach den Zwischenergebnissen vor Bronisław Komorowski, Anm. d. Ü.], da haben sie sie gefälscht. Es gibt kein Polen mehr.“
Eine Stunde vergeht. Einige Frauen beten Rosenkränze. Unter einem Zettel mit der Aufschrift: „Das Kreuz ist der erste Buchstabe im Alphabet Gottes“ entzünden Leute Grablichter. Einen blauen Rosenkranz in der Hand haltend, erläutert Bożena: „Mit unseren Gebeten wollen wir zu Gott flehen, dass er endlich aufräume mit dieser jüdischen Regierung.“
Als er das hört, mischt sich ein Mitfünfziger in Hemd und Krawatte ein. „Um Gottes Willen, Leute, was erzählt ihr da! Tusk ist genauso ein Pole wie Kaczyński.“ Die unter dem Kreuz versammelten laufen ihm entgegen. Eine ältere Frau mit Hütchen beginnt zu schreien: „Ruhe, mit dem reden wir nicht! Das ist ein Agent vom WSI [der 2006 aufgelöste Militärgeheimdienst, unter dessen Dach Seilschaften aus Vorwendezeiten illegal Einfluss auf Politik und Gesellschaft genommen hatten, Anm. d. Ü.]. Er hat den Auftrag hier Unruhe zu stiften.“ „Verschwinden Sie hier! Wir sind hier Katholiken und Polen, für solche Umstürzler haben wir keinen Platz!“ sagt Marzena von der „Bewegung für den Wiederaufbau Polens“. Eine Weile noch versucht der Mann zu diskutieren, bis er entnervt weggeht.
Bolschewik und Ivan
Jetzt taucht ein blonder Mitdreißiger auf. Er stellt einen schwarzen Kassettenrecorder auf den Bürgersteig, auf dem ein Aufkleber mit dem Bildnis Lech Kaczyńskis und der Aufschrift „Mein Präsident“ prangt. „Hier vor dem Palast spricht man noch unsere Sprache, deswegen ist hier der beste Platz um den letzten polnischen Radiosender zu hören“ stellt er fest und dreht am Knopf. Aus den Lautsprechern tönt die Stimme eines Priesters: „Hier ist Radio Maryja.“ Die Gruppe schweigt.
Nach einigen Minuten belebt sich die Diskussion wieder. Diesmal geht es um die Herkunft des designierten Präsidenten Bronisław Komorowski. Die Meinungen sind geteilt. Die Älteren sind sicher, dass er Jude sein müsse. Die Jüngeren haben Zweifel. Ein junger Mann mit blonden Locken beharrt: „Das ist mit Sicherheit ein Ivan.“ Ein Mann mit Pferdeschwanz entscheidet den Konflikt. „Komorowskis Großvater war ein Bolschewik namens Szczynukowicz. In der Schlacht von Warschau hat er Polen ermordet. Anschließend ist er aus unserer Gefangenschaft geflohen und hat die ganze Adelsfamilie der Komorwskis niedergemacht. Anschließend hat er ihren Namen gestohlen. Jetzt gibt sich sein Enkel Bronisław als Pole aus.“ Alle nicken zustimmend. „Jetzt ist alles klar“ sagt eine Frau mit weißem Hütchen.
Ein älterer Herr zieht einen Zettel aus seiner Aktentasche und beginnt, Unterschriften unter einem Aufruf zur Erhaltung des Kreuzes zu sammeln. Darin steht zu lesen: „Keiner, nicht einmal der totalitärsten Regierung gelang es, in den Polen das Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit auszulöschen. Auch diese Regierung schüchtert uns nicht ein und betäubt in uns nicht das Streben, das Geheimnis der Falle von Smolensk aufzuklären.“
Sie färben sich die Haare um mitzulauschen
„Das Kreuz muss für ein Jahr bleiben. In dieser Zeit entscheiden wir, mit was für einem Denkmal wir hier die Polen ehren, die bei Smolensk als Märtyrer gestorben sind“ erklärt Edward Mizikowski von der „Bewegung 10. April 2010“. Die Leute greifen zu den Kugelschreibern In wenigen Minuten füllt sich das Blatt.
Gegen Mitternacht lichtet sich die Gruppe. Die Frauen beenden ihre Rosenkränze und gehen. Ein paar Engländer nähern sich dem Grüppchen der Kreuzbefürworter. Joanna, ein korpulente Dame um die Vierzig beäugt sie argwöhnisch. Sie nimmt mich zur Seite und flüstert mir ins Ohr: „Wir müssen sehr vorsichtig sein, meine Liebe.“ „Warum?“ frage ich. „Ach, du kennst dich nicht aus im Leben“ fährt sie fort. „Die Juden von der ‚Gazeta Wyborcza‘ kommen hierher um uns zu belauschen. Sie färben sich die Haare blond, um nicht erkannt zu werden. Sie unterhalten sich in Fremdsprachen. Aber ich erkenne sie immer sicher an ihren großen, krummen Nasen und dem Hass in ihren Augen. Bei dir sieht man gleich, dass du eine echte Slawin bist.“

Quelle und weitere Informationen: http://wyborcza.pl/1,75478,8139133,To_juz_jest_wojna_pod_krzyzem.html#ixzz0tm9k8Xe1

Auch wenn das natürlich die extremen Auswüchse sind (und die Gazeta Wyborcza auch auf der Seite der Kreuzgegner steht und leider wohl auch nicht immer ganz sauber recherchiert) treibt der Streit schon erstaunliche Blüten. In Krakau, wo Ex-Präsident Lech Kaczyński neben Königen und Nationalhelden auf dem Wawel begraben wurde, gab es große Aufregung wegen eines Werbeplakats in Sichtweite des Wawels. „Zimny Lech“ wurde da beworben, gemeint war natürlich das Bier Lech, das man kalt trinken solle, mit dem Präsidenten Lech, der kalt in seiner Gruft liegt, hatte das nichts zu tun – die Plakatwerbung war auch schon vor dem Absturz gebucht. (Vielleicht waren die Krakauer aber auch einfach nur sauer das ihnen mitten ins Stadtzentrum riesige Lech-Werbung gehängt wurde nachdem Wisła Kraków die polnische Fußballmeisterschaft von Lech Poznań vor der Nase weggeschnappt wurde.)
Nochmal zurück nach Warschau: mittlerweile gibt es neue Entwicklungen zu vermelden. Polnische Pastafarianer haben eine Aktion gestartet, um im Gedenken an die Opfer der Flugzeugkatastrophe immer einen Teller Spaghetti vor dem Präsidentenpalast aufzustellen. Die Wächter des Kreuzes bewiesen bei der Gelegenheit ihre mangelnde Toleranz gegenüber anderen Religionen: ältere Damen griffen die Pastafarianer (möge Sein nudeliger Anhang sie berühren) mit Reizgas an.
Auch Elvis zeigte (mal wieder), dass er lebt und wollte eine Rose am Kreuz niederlegen. Er wurde jedoch genauso wenig durchgelassen wie die Anhänger des Fliegenden Spaghettimonsters.

[Nachtrag]: Das Kreuz ist inzwischen weg, ganz plötzlich und still und leise verschwand es. Und der Kampf ums Kreuz wurde schon zu einem Online-Spiel verarbeitet.

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